Bärbel
Bärbel Lorenz
in der Kontaktstelle
Graf-Adolf-Str.77
51065 Köln
Tel. 0173-6073398
In ganz jungen Jahren erkannte ich, wenn ich jetzt nicht aufhöre den unnormalen, erhöhten  Alkoholkonsum  zu stoppen, dann geht es immer weiter runter, so eine Alkoholkarriere hatte ich vor mir,  die nur nach unten führt.
 
Ich kam nämlich mit meinem Leben nicht klar, kam nicht zurecht mit Gott und der Welt. Die Fassade stimmte noch, beruflich war ich auch noch nicht aufgefallen, aber wenn ich so weitermachte, dann war es nur eine Frage der Zeit.
 
Mein Beruf machte mir ja Spass , das hielt mich vielleicht auch noch ein wenig oben, aber in meinem  privaten  Leben und mit meinen Gefühlen kam ich nicht klar, erst recht nicht als meine Adoptiveltern in einem Jahr verstorben sind, da fing es mit dem Alkohol an.  Ich merkte, wenn ich Alkohol trank, dann tat die Trauer nicht mehr so weh, den Trennungsschmerz von meinem Ex-Mann konnte ich mir ebenfalls  kleiner trinken. Als dann mein damaliger Freund mit meiner  besten Freundin fremdging, da konnte man wirklich sagen, von nun an ging's bergab. Das Wegtrinken funktionierte auch nicht mehr, im Gegenteil , ( wie ich dann später erfuhr ) setzte die Alkoholabhängigkeit ein, einer  Krankheit,   die man aber nicht als gegeben hinnehmen muss, durch Alkohol-Abstinenz kann man wieder gesund werden. Ein Leben ohne Alkohol konnte ich mir aber erst gar-
nicht vorstellen.
 
Es ging soweit, dass meine Seele so gequält war, so lebensschwach, dass ich einen Selbstmordversuch unternahm. Heute im nachhinein kann ich sagen,  „ eigentlich wollte ich mir das Leben nicht nehmen, ( oder habe ich es mir wirklich durch den Versuch genommen ? ) ich wollte es gewinnen und wissen, wie kann ich überhaupt  existieren mit soviel Schmerz im Herz.
 
Dieser Selbstmordversuch brachte wirklich die Wende, ich lernte viele Menschen kennen, denen es ähnlich gegangen war, wir lernten voneinander und hielten und stützten uns, ich trank auch keinen Alkohol mehr. Heute kann ich sagen, die Selbsthilfe hat mir das Leben gerettet.
 
Sie sollte mir auch noch bei  einer  weiteren , schweren Krise  helfen.
 
Ca. 17 Jahre waren vergangen, mittlerweile war ich in den Wechseljahren und in dieser Zeit,  (es ist ja ähnlich wie in der Puber-tät) ist hormonell in uns Frauen einiges los. Eine Phase der innerlichen,  seelischen Umstrukturierung, also auch gerade eine Zeit der Feinfühligkeit und Sensibilität.
 
Von diesen Fähigkeiten der Sensibilität und der Feinfühligkeit habe ich sehr, sehr viel mit in die Wiege gelegt bekommen. Schon damals, als ich trocken wurde, musste ich lernen, wie ich mich schützen kann, denn in einer Welt, die oft eine Elefantenhaut verlangt, ............. woher nehmen wenn nicht stehlen.
 
Meine Krise begann  durch eine ungerechte und abwertende Äusserung einer guten Freundin, ich fühlte mich sehr verletzt.
 
Ich rutschte also in eine sogenannte  „ schizo-affektive Psychose „ hinein. Ich habe das so erlebt, dass mein Verstand in den Hintergrund rückte, meine Gefühlswelt sehr vehement hervortrat , ja man kann auch sagen, ich geriet in meine eigene Traumwelt hinein, wobei die ersten 2 Wochen für mich sehr angenehm waren.
 
Irgendwie nahm ich die Dinge leichter und positiver als sonst, war fröhlicher und zuversichtlicher, das war ein  toller Zustand, leider hielt er aber  eben nur 2 Wochen an und dass Ganze kippte in die andere Richtung, unrealistische Ängste traten hervor,  ich hörte Stimmen,  ich sah Dinge, die es gar nicht gab,  fühlte mich verfolgt, im Fernsehen gab es Botschaften für mich,  jedes erlebte Detail  fügte sich in mein selbststrukturiertes Phantasieerleben ein.
 
Der Verstand, der ja sonst eine Brücke zwischen Gefühlswelt und Unterbewusstsein ist und eine Reflektion  erst möglich macht,  rückte immer weiter weg. Diese Fähigkeit zur Reflektion  mit der Realität war total  verschwunden,  meine Phantasiewelt  wurde immer grösser und intensiver,  es war auch ein Gefühl, als wenn mich die  eigene Seele überschwemmte.
 
Mein  Mann merkte ja, dass mit mir was nicht stimmte und holte sich Hilfe bei einer Ärztin, die mich schon früher  in meiner Alkoholabhängigkeit behandelt hatte. Klar war, ich hatte nichts getrunken . Die Maschinerie der Psychiatrie wurde in Gang gesetzt und ich landete in der  Geschlossenen, zum Entsetzen meines Mannes. Ich war nicht gewalttätig , war sehr friedlich und ruhig,  aber ich spinnte halt so vor mich hin. Bin heute nach wie vor der Überzeugung, dass ich nicht auf die Geschlossene gehörte.  Mein Mann konnte es leider nicht verhindern, allzu gerne hätte er mir diese  Qualen erspart. Als Angehöriger hat er wirklich  auch einen Faden mitgemacht.
 
Eine Woche Geschlossene, dann auf die offene Station, da blieb ich aber auch nur eine Woche, weil durch die Medikamentenumstellung die Spinnerei  im Kopf wieder losging.  Das zweite mal Geschlossene hatte mir seelisch das Genick gebrochen, ich war ein anderer Mensch, sonst sehr kommunikationsfreudig, zog ich mich in die äussersten Ecken  der Zimmer zurück, alles in allem kann man sagen, ohne jetzt weiter noch  Schlimmes aufzuführen,  (wo ich noch Seiten mit füllen könnte) ich war ein Häufchen Elend.
 
Die starken Medikamente die ich nehmen musste trugen dazu bei, dass ich einfachen Telefonaten nicht mehr folgen konnte.  Die Ärztin, die mich ja auch schon fast 2 Jahrzehnte kannte, schüttelte immer den Kopf und wusste nicht weiter, weil sie mich ja aus der guten Zeit kannte und meine Persönlichkeitsveränderung nicht verstehen konnte. Auf die Idee, die Medikamente mal zu verringern kam sie nicht, im Gegenteil,  ich bekam noch „ mehr „. Mein innerer Druck  wurde immer grösser und auch der Wunsch mir das Leben zu nehmen, weil es unerträglich war in dem Zustand, stiegen,  die Selbstmordge- danken und wurden immer dringlicher.
 
Das Leid ging erst zu Ende, als ich den Artz wechselte, der  Neue hatte auch  eine Betroffenengruppe an der ich teilnehmen konnte. Dort erfuhr ich zum ersten Mal überhaupt nach 2 Jahren Leidensweg,  was ich hatte, wie mein Zustand hiess, welche Möglichkeiten es zur Verbesserung gab.  Eine  gute Verbesserung  war eine Therapie und die Therapeutin  reduzierte  mit mir die Medikamente. Sie blieb mit mir immer im Gespräch und im Dialog , sodass ich es sogar schaffte, Medikamentenfrei zu werden. Es ist sehr wichtig , das Absetzen sehr behutsam zu machen, der BPE  (Bundesverband der Psychiatrie-Erfahrenen) bietet durch Herrn Mathias Seibt eine gute Beratung an, auch Karolin Warschkow hat sich  als Angehoerige und Heilpraktikerin  wertvolles Wissen angeeignet, sie weiss gut Bescheid und zeigt alternative Methoden auf.
 
Schon nach  der ersten geringen  Reduzierung war bei mir eine enormer Aufschwung zu verzeichnen, je weniger Tabletten ich nahm, je mehr wurde ich wieder ich selber und kam meinem eigentlichen Wesen wieder näher. Lethargie, Depression und das verlangsamte Denken hatten  Gott sei Dank ein Ende.
 
Mir ist sehr bewusst, dass es ohne Medikamente manchmal nicht geht, aber ich möchte doch sehr zum Denken anregen und auch  an die Verantwortlichkeit der Ärzte appelieren,  denn in dem Zustand in dem ich damals war,  war ich auf Gedei und Verderb  den Ärzten ausgeliefert und nicht fähig die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen.
 
Heute bin ich so dankbar und froh,  dass sich das Blatt geändert hat und ich mein Leben wieder meistern kann,  auch Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein aufbauen konnte.
 
Geblieben ist eine sehr gesunde  und berechtigte kritische Haltung der Psychiatrie und den Ärzten gegenüber.
 
Deshalb setzte ich meine Arbeitskraft auch für die Selbsthilfe ein,  ich arbeite in einem Netzwerk für Psychiatrieerfahrene, helfe gerade mit,  eine  neue Kontaktstelle aufzubauen und  habe eine eigene Selbsthilfegruppe für Doppeldiagnose-Leute gegründet. Meine Tätigkeit füllt mich sehr aus, gerade auch weil es Sinn macht, und wenn ich das hier und jetzt gerade so schreibe, kommt in mir so viel Dankbarkeit hoch, auch ein wenig Stolz,  denn ich habe so viele wertvolle Menschen in der Selbsthilfe kennengelernt, (einige  sind heute gute Freunde geworden), ohne sie würde ich nicht hier am Computer sitzen und meine Geschichte schreiben können.
 
Meine Überschrift lautete ja : Doppeldiagnose, doppelte Verletzlichkeit, doppelte Chance!!! Jetzt zum Schluss  dieser Zeilen die Chance!!! eindeutig mit einem Ausrufezeichen, meine zwei grossen Krankheiten haben mich weiter gebracht, ich habe viel gelernt. 
 
Die Alkoholabhängigkeit habe ich seit  ca. 30 Jahren zum Stillstand gebracht, hier hat die Selbsthilfe einen grossen Anteil, genau so verhält es sich mit der Psychose, denn  auch die Psychose-Inhalte waren für mich sehr aufschlussreich und haben viele neue Erkenntnisse meiner Seele hervorgebracht, eine grössere Bewusstheit  begleitet meinen Weg und das tut mir sehr gut.
 
Die grosse Dame der Psychiatrie-Bewegung, Dorothea Buck, erzählt in Ihrer Biographie, dass sie  5 Psychosen erlitten habe,  auch sie hat die Psychoseinhalte aufgearbeitet, schaute hin, was im Innern der Seele los ist. Manchmal ist das sehr mutig, weil nicht nur schöne Anteile zum Vorschein kommen.  Aber auch Dorothea Buck bestätigt, eine 6te Psychose blieb ihr erspart, weil  durch die seelischen Erkenntnisse und die daraus  resultierenden Veränderungen in ihrer Persönlichkeit, ihre  Seele geheilt worden ist.
 
Sollte ich noch einmal in einen Schub rutschen, ja ich würde Medikamente nehmen, aber nur so viel wie nötig und auch nur für kurze Zeit, denn oft höre ich von den Langzeitschäden. Es gibt  einschlägige Literatur im Psychiatrie-Verlag.
 
 
Danke, wer bis hierher gelesen hat, mir hat das Aufschreiben sehr gut getan.
 
Bärbel Lorenz 
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